Wien – Einkaufsparadies der Individualisten
Was macht eine Stadt zu dem, was sie ist? Die Gebäude? Ihre Geschichte? Es sind allem voran die Menschen, die, jeder Einzelne für sich Mosaikstein eines Bildes, die Seele einer Stadt ausmachen. Vom Verkäufer am Würstelstand der heut’ wieder ein paar neue Wuchteln zu erzählen hat, über den Fiaker, der am frühen Morgen seinen Blick zum unzähligsten Mal über den Stephansdom streifen lässt, bis hin zum Geschäftsmann, der auf dem Weg zum nächsten Meeting mit einer Wurstsemmel quer durch den Ersten hetzt. Einer von Österreichs größten Schriftstellern, der Publizist Karl Kraus, hat einmal gesagt „Wien hat lauter Wahrzeichen und jeder Wiener fühlt sich als solches.“ Und auch wenn dies ein satirischer Seitenhieb war, trifft er doch nüchtern betrachtet den Kern der Sache. Nämlich, dass jeder Wiener ein Teil der Stadt ist und damit ebenso sehens- und erlebenswert wie das Riesenrad oder die Hofburg. Deswegen ist es besonders wichtig einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu werfen, um den Menschen und ihren Geschichten einen Platz einzuräumen.
Österreich und Wien speziell, ist ja geradezu berühmt für eine gewisse Gemächlichkeit und Gemütlichkeit. Wer sich eingehender mit der Stadt beschäftigt, merkt aber schon bald, dass dies nur ein altes Klischee ist. Tatsächlich gibt es jedes Jahr soviel Neues, dass es schwer sein kann, sich überhaupt einen Überblick zu verschaffen. Newcomer, aber auch Familienbetriebe und Traditionsunternehmen, die bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken können – sie zeichnet einerseits Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit, aber auch das Bekenntnis zu allerhöchster Qualität, aus. Was alle verbindet, ist die ehrliche Leidenschaft zum Beruf bzw. zum eigenen Produkt. Dieses Engagement hat Österreich und seinen Produkten längst in aller Welt einen unvergleichlichen Ruf eingebracht. Das allein mag vielen schon wie Schönreden vorkommen, weil wir als Konsumenten ja schon gewohnt sind, dass sich selbst schnöde Industrieprodukte mit Begriffen wie “handgemacht” oder “traditionell” schmücken. In Wien gibt es sie aber tatsächlich noch – Produkte mit Persönlichkeit und Unternehmen, die stolz auf ihre Arbeit und ihre oft jahrhundertelange Geschichte sind. Erst in den letzten Jahren sind viele dieser Juwelen wiederentdeckt worden. Ironischerweise war es gerade auch die Revolution der elektronischen Medien, die durch ein neues Bedürfnis der Individualisierung zu dieser Renaissance beigetragen hat. Sich von der Masse abzuheben, anders zu sein, den eigenen Charakter und die persönliche Einzigartigkeit nach außen sichtbar zu machen, ist längst zu einem der wichtigsten Kaufkriterien geworden.
Was aber macht eine Stadt einzigartig? Viele Metropolen haben einen guten Teil ihrer Individualität leichtfertig aufgegeben. Die Filetstücke der Innenstadt werden zu Höchstpreisen an internationale Marken vergeben, die dort Repräsentanzen eröffnen, die rund um den Globus gleich aussehen. Dieser Ausverkauf hat vor Wien zwar nicht haltgemacht, wurde aber doch in vernünftige Bahnen gelenkt. Denn Wien ist mit rund zwei Millionen Einwohnern eine Stadt, die nicht durch schiere Größe und Superlative, sondern eben durch Einmaligkeit und unverwechselbaren Charme, ihren Rang als Weltmetropole rechtfertigt.
Autor: RobWright
